Archiv der Kategorie: Norwegen

Zunächst. Ein neuer Montag.

Wir sind wieder zuhause angekommen und haben uns vorgenommen, norwegische Gelassenheit mitzubringen.

Montagmorgen. Pausenhalle vor Unterrichtsbeginn. Es ist laut.

Dadurch und durch den Schulgong, der die Schüler und uns zum Unterricht bringt, wird unsere Gelassenheit zum ersten Mal auf die Probe gestellt. An der Ringstabekk skole gab es keinen Gong.

Wir denken zurück an das entspannte, konstruktive Miteinander, das wir während unseres Aufenthaltes in Norwegen erlebt haben und glauben, dass dies auch bei uns möglich ist.

Gerne wollen wir unsere Erfahrungen des Lebens und Lernens an der Ringstabekk skole in unsere Schule, das Ernestinum, einfließen lassen und freuen uns auf die Möglichkeiten.

 

Bis hierher.

Der heutige Tag hält wieder neue Erfahrungen für uns bereit: Wir erleben den Beginn eines Storyline-Projekts und verabschieden uns von den Kollegen, mit denen wir in engem Austausch standen, sowie beim Schulleiter, Herrn Bolstad.

Die gesamte Klasse 9b (75 Schüler) versammelt sich im großen, hörsaalartigen Unterrichtsraum. Vier Lehrer geben den Schülern eine Einführung in den Ablauf des Projekts mit dem Thema „Kulturelle Begegnungen“. Für ein solches Storyline-Projekt erhalten die Schüler innerhalb einer Art Rollenspiel Rollen zugewiesen, welche sie personifizieren sollen. Dafür erschaffen sie Avatare. Das Rollenspiel diesmal: Gruppen von unterschiedlichem sozialen und kulturellen Hintergrund sollen ein großes Mietshaus bewohnen.

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Die Gruppen (z.B. eine alleinerziehende Mutter mit drei Kindern, eine afghanische Einwandererfamilie, ein homosexuelles Paar…) haben unterschiedliche Bedürfnisse an ihre Wohnungen und suchen sich diese entsprechend aus.

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Die nächste Aufgabe: Die Wohnungen sind zu gestalten, das Wohnzimmer einzurichten, aber auch technische Anforderungen sind zu erfüllen: So berechnen die Schüler etwa, wie viele Haushaltsgeräte betrieben werden können, ohne dass die Sicherung auslöst.

Das Projekt ist also interdisziplinär: Die Fächer Religion, Sozialkunde, Englisch und Physik sind beteiligt.

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Haben sich die Avatare auf ihre Situation eingerichtet, müssen sie mit Störfaktoren umgehen: Die afghanische Familie etwa soll ausgewiesen werden.

Das Projekt läuft bis Weihnachten und schließt mit einer gemeinsamen Feier anlässlich der erhaltenen Aufenthaltsgenehmigung für die afghanische Familie ab.

Das Projekt illustriert erneut beeindruckend den Ansatz des selbstregulierten, kooperativen Lernens.

Mit vielen positiven Eindrücken der pädagogischen Arbeit und des kollegialen Miteinanders an einer norwegischen Ausnahmeschule verabschieden wir uns dankbar von Herrn Bolstad und von äußerst freundlichen und auskunftsfreudigen Kollegen und Schülern aus einem bildungsfreundlichen Umfeld.

Und weiter.

An diesem Tag hospitieren und assistieren wir:

Zu Beginn des Schultags arbeiten wir mit Deutschkollegin Christina in einer 10. Klasse zusammen: Sie führt Prüfungsgespräche, wir stehen den Schülern zur Vorbereitung zur Verfügung und betreuen einzelne Gruppen bei einem Arbeitsauftrag. Die Schüler legen eine dialogische Gruppenprüfung zu landeskundlichem Grundwissen über Deutschland, Österreich und die Schweiz ab. Der Arbeitsauftrag besteht darin, Präsentationen zu Berlin zu erstellen.

Die Schüler nehmen überwiegend dankbar und erfreut Verbesserungen an und fordern diese ein. Es ist ein angenehm konstruktives Miteinander.

In die Prüfung dürfen Aufzeichnungen mitgenommen werden und die Schüler lesen das ab, was sie vorbereitet haben.

Zu ihrem Arbeitsauftrag recherchieren die Schüler selbständig in ihren Schulbüchern, aber auch im Internet über ihre Smartphones, die sie ganz selbstverständlich benutzen dürfen. Ein Gruppensprecher trägt die Arbeitsergebnisse in einer Mindmap zusammen. Die Gruppenarbeit ist selbstreguliert.

In der folgenden Deutschstunde bei Timothy und Christina in einer achten Klasse dienen Frau Metzner und Herr Kessel erneut als authentisches Material: Wir lesen Texte vor und präsentieren landeskundliche Inhalte zu Weihnachten in Deutschland. Erneut arbeiten die Schüler in Gruppen und tauschen sich aus, wenn dafür Bedarf besteht. Das Interesse der Schüler an authentischem Sprachmaterial ist eher gemäßigt.

Herr Dr. Sänger hospitiert in einer Mathematikstunde einer 10. Klasse: Grafisches Lösen linearer Gleichungssysteme mit Geogebra.

Fazit: Immer ist das die Pädagogik an der Ringstabekk skole prägende Element der Gruppenarbeit anzutreffen. Dies muss nicht unbedingt auf die Aufgabe zugeschnitten sein oder einem bestimmten Zweck dienen. Das kooperative Lernen steht im Vordergrund. Fachliche Inhalte und der Aufbau des Lehrplans sind nicht mit unseren Anforderungen zu vergleichen. Ringstabekk ist eine Gesamtschule, an deren Ende (10. Jahrgangsstufe) sich die Zukunft der Schüler entscheidet.

Fortgebildet. Noch weiter.

Als routinierte Wahlnorweger treffen wir trotz vereister Wege gelassen in der Schule ein und besuchen die 9a bei der Arbeit innerhalb ihrer Projektwoche: Planung eines Stadtbezirks.

75 Schüler werden zunächst für die anstehende Arbeitsphase organisatorisch vorbereitet. Es stehen Gruppenrückmeldungen an.

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Nach dem gestrigen Ortstermin überarbeiten oder verwerfen die Schüler ihre Pläne. Bei den Mitteln haben sie freie Hand: Eine Gruppe etwa hat mit einem Architekturbüro in Großbritannien Kontakt aufgenommen und eine App zum dreidimensionalen Darstellen von Gebäuden erhalten.

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Bei der Rückmeldung an die betreuenden Lehrer erneut norwegische Evaluationskultur: Die Lehrer machen von ihren Beratungsgesprächen einen Videomitschnitt, um ihre Rückmeldetechnik zu optimieren. Es gehe nämlich darum, die Schüler zum selbsttätigen Arbeiten anzuregen. Die Gespräche mit den Schülern sind äußerst konstruktiv, von Wertschätzung und Begeisterungsfähigkeit geprägt. Das begeistert uns.

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Fast mehr noch begeistert uns das von der Schule für uns angerichtete Mittagessen: kein Knäckebrot und wirklich schön gemacht.

Danach: Teambesprechung mit den Kollegen einer achten Klasse. Ein Mitglied der Schulleitung stellt eine weitere Erhebung vor: Zufriedenheit des Lehrpersonals an norwegischen Schulen im Verwaltungsbezirk. Resultat: Die Arbeitsbelastung wird als zu hoch empfunden. Das Schulleitungsmitglied erarbeitet mit den Kollegen ganz im Sinne eines Qualitätskreislaufs Lösungsansätze zur Verbesserung der Situation.

Weitere Themen: Handys im Unterricht und an der Schule. Vertrautes Terrain.

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Fazit des Tages: Es lohnt sich, das eigene Lehrverhalten zu reflektieren. Evaluationen können auch sinnvoll genutzt werden.

 

Fortgebildet. Ein weiteres Stück.

Die ernestinische Delegation findet sich bereits um 6:30 Uhr zum Frühstück ein. Das pädagogische Treffen der Schulleitung und der Teamleiter steht an. Bei klarem Himmel machen wir uns motiviert auf den Weg zur Schule.

Wir erleben eine äußerst disziplinierte, sachorientierte und gelassene Besprechungskultur unter dem Vorsitz eines Teamleiters. Ein Kollege protokolliert, zwei Kollegen evaluieren die Besprechung im Nachgang.

Wesentliches Thema der Besprechung: Gestaltung von Rückmeldungen zum Leistungsstand der Schüler. Grundannahme: Noten allein sagen nichts aus, Rückmeldungen müssen pädagogisch gehaltvoll sein und dem Schüler nützen.

Von einem Kollegen werden wir zum Deutschunterricht eingeladen. Wir dienen als authentisches Material („Wie heißt du?“ „Jörg.“ „Hast du Hunger?“ „Ja.“)  und erleben erfreut eine eigens gestaltete Deutschstunde in einer 8. Klasse zum Thema Spezialitäten in Franken und Essen in Coburg. Die Schüler erproben ihr erlerntes Wissen in Rollenspielen: „Ich hätte gerne einen warmen Bratwurstsalat, Gedöns und einen Coburger Mohr im Hemd.“

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Danach belegen wir unser Knäckebrot im Lehrerzimmer. Macht der norwegische Kollege aber auch so.

Die Lehrerkonferenz am Nachmittag wird spontan mit einem Lied und einem Tanz für ein Geburtstagskind eröffnet.

Anschließend präsentiert ein Erziehungswissenschaftler der Hochschule eine aktuelle Studie zum Einsatz von I-Pads im Klassenzimmer.

Wir dürfen auch ein weiteres Beispiel der norwegischen Evaluationskultur erleben: Die vergangene schulweite Projektwoche wird unmittelbar in der Konferenz über direktes Feedback und einen Online-Fragebogen evaluiert.

Der Schulleiter beschließt die Lehrerkonferenz: Er lässt die Kollegen Zettel aus einem Hut ziehen. Das Kollegium wichtelt. Wir sind sprachlos.

Einmal wieder sehen wir an diesem Tag die bereits vielbemühte norwegische Gelassenheit: in der Kommunikationskultur und in der Zusammenarbeit. Wir sind wirklich angetan.

Fortgebildet.

Oslo am Montagmorgen. Es kann tatsächlich noch dunkler sein. Die Fahrt mit der U-Bahn ist angenehm und wir kommen planmäßig zu unserer Verabredung mit der Schulleitung.

Erster Eindruck der Schule: Gelassenheit und Ruhe auch hier bei den Schülern, diese ziehen sich in der Garderobe für den Schultag um. Hausschuhe – auch für die Lehrer.

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Herr Bolstad bereitet uns für unseren ersten Tag an der Ringstabekk skole vor: Jahrgangsstufe 8 bis 10, Klassengröße 75 Schüler, aufgeteilt auf fünf Lehrer. Die Schüler arbeiten in unterschiedlich großen Klassenteilen zusammen, je nach Fach. Dabei arbeiten stets vier Schüler in einer Arbeitsgruppe. Diese setzt sich nach sechs Wochen neu zusammen, wenn eine neue Themeneinheit begonnen wird.

Die Hausführung zeigt uns eine durchweg offene Unterrichtssituation: Keine Klassenzimmer mit Türen, stattdessen Moderations-, Unterrichts- und Arbeitsbereiche verschiedener Größe für jede Klasse.

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Grundlegend für die pädagogische Arbeit ist das Gespräch: Der Schüler und der Lehrer mit- und untereinander. Dafür wird viel Zeit aufgewendet.

Inzwischen lässt sich die Sonne blicken, der Himmel klart auf. Auch wir gewinnen mehr Klarheit über die Arbeit an dieser Schule.

Wir erleben an unserem ersten Tag viel Konventionelles bei der Einführung der neuen Themeneinheiten, aber auch Projektarbeit: Die Klasse 9a arbeitet mit der Stadtverwaltung bei der konkreten Neugestaltung eines Bezirks zusammen.

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Gesamteindruck heute: norwegische Gelassenheit auch bei der pädagogischen Arbeit. Morgen: pädagogische Konferenz am Morgen, Unterrichtsbesuche, Lehrerkonferenz am Nachmittag.

Weitergekommen.

Oslo ist wolkenverhangen und am Morgen so düster wie am Abend. Ringstabekk skole mit öffentlichen Verkehrsmitteln erfolgreich am Vormittag erreicht. Es wird einfach nicht heller. Wir fühlen uns hier noch wie entweder viel zu früh oder zu spät am Tag, aber nie richtig.

Die Schule ist neu gebaut, eine moderne Mischung aus sachlichem Beton, Holz und viel Glas. Innen werden wir sie morgen erleben. Neben der Schule laufen Familien Schlittschuh, den Kindern dienen Limokisten als Lernhilfe. Die norwegischen Holzhäuschen in der Gegend wirken gemütlich.

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Zurück in Oslo mit dem Personenschiff zu einer Fjordinsel gefahren. Dichte Nebelschwaden regen die Phantasie an. Wir bleiben an Bord und erahnen Oslo auf der Rückfahrt. Im Hafen dann am Nobelfriedenszentrum und am beeindruckenden Rathaus vorbei zur Nationalgalerie.

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Ein nasser Tag geht in der Hotellobby zu Ende und wir haben Norwegen noch immer gern.

 

 

Angekommen.

Nach etwa 10 Stunden Reisezeit begegnen wir Oslo gespannt. Die Stadt empfängt uns beim Verlassen des Zentralbahnhofs mit einem Blick auf den Fjord. Nach machbarem Fußmarsch zum Hotel ist die Versorgungslage dank eines halbwegs günstigen Supermarkts geklärt: Wir kaufen Knäckebrot.

Beim Abendessen beschließen wir den Tag mit dem gemeinsamen Eindruck einer entspannten und gelassenen Stadt und freuen uns auf die hellen Stunden der nächsten Tage…

Zentralbahnhof

Zentralbahnhof

 

Markthalle Oslo

Markthalle Oslo